Über Lepra

Ich lebe in Berlin, einer Stadt mit umfassender Infrastruktur. Das ist mein Glück. Ich habe kompetente Ärzte des Tropeninstituts der Charité an meiner Seite und kann auch auf psycho- und physiotherapeutische Unterstützung zählen. Wer schon einmal in einem weniger sozialen Land gelebt hat, weiß das deutsche Gesundheitssystem sehr zu schätzen.

Außerdem ist Berlin eine aufgeklärte und tolerante Stadt. Natürlich bemerkte ich die neugierigen Blicke, aber dennoch musste ich mich nie ausgegrenzt fühlen.

Das war in Deutschland nicht immer so. Und in vielen Weltregionen gibt es auch heute noch die mittelalterlichen Vorurteile und die damit verbundene Stigmatisierung Leprakranker.

Lepra gilt als eine der ältesten Infektionskrankheiten der Welt. In Deutschland ist der ursprüngliche Name für die Krankheit »Aussatz«, da die von der Lepra befallenen Kranken außerhalb menschlicher Siedlungen leben mussten. Sie waren ausgesetzt.

Die Krankheit wird schon in den frühesten Schriften wie dem Papyrus Hearst (um 1500 v. Chr.) und dem Alten Testament erwähnt.

»Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.« (3. Buch Mose)

Lepra wurde im Mittelalter als Geißel Gottes angesehen, als Bestrafung für Sünder. Gesunde wiederum, die sich um Leprakranke kümmerten, ohne selbst an Lepra zu erkranken, hatten deshalb das Ansehen, von einer höheren Macht beschützt zu werden.

Übereinstimmend mit den Wanderungsbewegungen des frühen Menschen wird der Ursprung von Lepra in Ostafrika angenommen. Die allgemeinere Verbreitung des Aussatzes in Europa im Mittelalter wird oft den Kreuzzügen zugeschrieben. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 13. Jahrhundert und verschwand mit dem Ende des 16. Jahrhunderts weitgehend aus der Reihe der chronischen Volkskrankheiten in Mitteleuropa. Es wird davon ausgegangen, dass die Lepra hauptsächlich durch ein ihm verwandtes Bakterium zurückgedrängt wurde. Die von der Lepra geschwächten Personen wurden oft auch von der Tuberkulose befallen, welche die Kranken ziemlich schnell tötete und so eine Ausbreitung der kaum ansteckenden Lepra verhinderte.

Unsere Vorfahren kannten und fürchteten den Aussatz, wie Martin Luther das griechische Wort Lepra in der Bibel übersetzte, denn die Diagnose Aussatz brachte den Betroffenen zwar nicht den physischen, aber den sozialen Tod. Die von der Lepra Befallenen mussten die menschliche Gemeinschaft verlassen.

Die am Anfang dieses Buches zitierte »Mass of Separation« ist beispielhaft dafür. Ein neu identifizierter Leprakranker wurde von der ganzen Gemeinde zu seinem neuen Heim außerhalb der Stadt begleitet und die Trennungsmesse von einem Priester vor der Hütte gelesen.

Der Norweger G.A. Hansen entdeckte den Erreger im Jahr 1873. Lepra wird deshalb auch »Hansen-Krankheit« genannt.

Heute nehmen viele an, die Erkrankung sei ausgerottet. Tatsächlich werden weltweit aber jedes Jahr 250.000 neue Fälle registriert. Geschätzt leben zwei bis vier Millionen Menschen infolge einer Lepraerkrankung mit Behinderungen.  Über 90 Prozent der Fälle treten in Indien, Brasilien und diversen asiatischen und afrikanischen Ländern auf.

Das Bakterium »Mycobakterium Leprae« gilt als Auslöser der Lepra. Es infiziert die Haut, die peripheren Nerven und sehr selten auch innere Organe. Lepra ist eine Armutserkrankung. Wie die Infektion abläuft, ist nicht vollständig geklärt. Als begünstigende Ursachen für die Übertragung kommen schlechte Ernährung, schmutziges Wasser und beengte Wohnräume infrage.

Das Bakterium vermehrt sich sehr langsam. Es ist aber sehr widerstandsfähig und kann sich bis zu zwanzig Jahren im menschlichen Körper halten bis die ersten Symptome entstehen. Die meisten Menschen sind offenbar immun gegen Lepra. Sie kommen mit dem Erreger in Berührung, ohne dass die Krankheit jemals ausbricht.

Typische Anzeichen der Krankheit sind Hautflecken, die bei heller Haut gerötet sind und bei dunkler Haut hell erscheinen und sich taub anfühlen. Bei Fortschreiten der Symptomatik verlieren die Betroffenen oft ihr Schmerzempfinden in Händen und Füßen. Sie verletzen sich häufig und die Wunden infizieren sich. Das kann zum Verlust der Gliedmaßen führen. Deshalb hält sich bis heute hartnäckig der Irrglaube, Lepra ließe die Gliedmaßen abfaulen.

Lepra ist bei frühzeitiger Diagnose heute vollständig heilbar durch eine dreifache Antibiotika-Kombination. Diese Polychemotherapie wird auf Empfehlung der WHO seit 1982 in einer bis heute kaum abgewandelten Form angewandt. Die Medikamente müssen über einen langen Zeitraum, je nach Verlaufsform von sechs Monaten bis zu mehreren Jahren, eingenommen werden, um das Bakterium im Körper der Betroffenen vollständig abzutöten.

Heilungsprozess
Es ist nicht meine Absicht, Sie zu schockieren. Mein Unterschenkel kann aber eine Vorstellung vermitteln, was durch eine Behandlung der Krankheit zu erreichen ist. Oder eben auch nicht, wenn Leprakranke nicht ausreichend medizinisch versorgt werden.

Häufig kommt es während der Behandlung zu einer Abwehrreaktion des Immunsystems, die sehr schmerzhafte Entzündungsreaktionen hervorrufen, die zu dauerhaften Nervenschädigungen und Lähmungen führen können oder auch andere Organen beschädigen. Diese Veränderung wird Lepra-Reaktion genannt. Die hierbei gegebenen komplexen Vorgänge müssen von einem Spezialisten mit einer auf den Patienten individuell abgestimmten Therapie behandelt werden.

Wirksam bei der Behandlung des Erythema Nodosum Leprosum ist der Wirkstoff Thalidomid, früher bekannt unter dem Markennamen Contergan. Aufgrund der schädigenden Nebenwirkungen während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind gelten strenge therapiebegleitende Sicherheitsvorkehrungen.

Bislang gibt es keinen wirksamen Impfstoff gegen den Erreger. Nur durch Früherkennung und rechtzeitig einsetzender Therapie können weitere Ansteckungen und irreparable Schäden verhindert werden. Hierbei spielt die Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung eine entscheidende Rolle, um sowohl die Krankheit als auch die Stigmatisierung der Betroffenen zu bekämpfen.

Unkenntnis und Vorurteile reichen noch bis in die heutige Zeit. In Japan wurden Infizierte bis 1996 aufgrund eines Gesetzes von 1931 lebenslang in geschlossenen Anstalten, den Leprosorien, mit Zwangssterilisation und Zwangsarbeit inhaftiert, selbst dann noch, als schon Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen.

In Brasilien gab es bis in die 80er Jahre Leprosorien und die Kinder der Kranken wurden zwangsweise von ihren Eltern getrennt und in Pflegefamilien groß gezogen. Sie galten als »Verdammte« und streiten bis heute erfolglos um Gerechtigkeit und Entschädigung. Auch gibt es immer noch alte Bewohner in den dort sogenannten »Kolonien«. Sie überleben durch Almosen.

Noch heute gibt es eine Reihe von Ländern, darunter Großbritannien, USA und China, die Infizierten Einreisegenehmigungen verweigern.